Monatsarchiv für Juni 2009

 
 

Das Ende der Medienindustrie – sind unsere Journalisten noch zu retten?

Ein Besuch beim Mediendisput “Das Ende des Journalismus – Ist unsere Mediendemokratie noch zu retten?” in den Berliner Ministergärten.

Nach der Veranstaltung standen die Leute in Grüppchen herum. Die einen nervten sich über den Unsinn, der immer noch verbreitet werde über das angebliche Ende des papierlosen Büros. Die anderen sagten einfach nur “Schrecklich!”, “Fürchterlich!”, “Wie vor 15 Jahren!”. Und meinten damit die eben zu Ende gegangene Podiumsdiskussion.

Auf dem erhöhten Podium, hinter dem (in dieser Reihenfolge) eine gigantische Glasscheibe, ein adrett geschnittener Rasen, eine Willy-Brandt-Statue, einige Gebäude und Bäume und viel blauer Himmel zu sehen war, sassen

- Wolfgang Blau (Chefredakteur “Zeit Online”)
Zitat des Abends: “Es ist ein Fehler, die Marken online boulevardesk aufzustellen.”

- Stephan-Andreas Casdorff (Chefredakteur “Der Tagesspiegel”)
Zitat des Abends: “Die Zeitung verführt zum Lesen.”

- Brigitte Fehrle (Stellv. Chefredakteurin “Berliner Zeitung”)
Zitat des Abends: “Ich nenne es nicht Hysterisierung, ich nenne es gepflegte Aufgeregtheit.”

- Hans-Juergen Jakobs (Chefredakteur “sueddeutsche.de”)
Zitat des Abends: “Wir müssen bestrebt sein, Qualitätsjournalismus zu erhalten.”

- Frank A. Meyer (Chefpublizist Ringier Verlag)
Zitat des Abends: “In der Tageszeitung findet man, was man nicht sucht.”

- Mario Sixtus (Blogger “Der Elektrische Reporter”)
Zitat des Abends: “Journalismus ist eine Tätigkeit, die kein Geschäftsmodell eingebaut hat.”

und in der Rundenmitte Gesprächsführer Thomas Leif, der die grösste Mühe hatte, seine eigene Wichtigkeit im Zaume zu halten.


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Der Vollblutjournalist im Jahr 2009

Margrit Sprecher (Jahrgang 1936) liefert in der Zeit ein wunderbares, leider zu wahres Portrait des Vollblutjournalisten.

Es handelt sich um einen, der bedingungslos für die Qualität eintritt, aber kaum mehr Platz in den Verlagen von heute findet, denn “der Boss braucht keine Stars in seiner Truppe. Er braucht Textarbeiter.”

Er ist überhaupt kein Star. Er gilt als ein Borderliner, dem “die wirtschaftliche Lage des Blattes egal ist”:

Am glücklichsten werden die Gewieften, die zu wenig dumm und zu wenig gescheit sind, um auffallen zu können. Wer diesen courant normal durchbricht, weil er nicht anders kann, fühlt sich bald wie eine Platane im Schrebergarten: Er fordert unverschämt viel Raum und liefert weder Äpfel noch Kartoffeln.

Noch schlimmer ist, dass nichts, was Vollblutjournalisten zu bieten haben, noch geschätzt wird. Die Hartnäckigkeit und die Gründlichkeit, mit der sie ein Thema verfolgen, kosten zu viel Zeit und zu viel Geld. Die Haltung, die sie dabei an den Tag legen, ist lästig, ihr sprachliches Können überflüssig.

(via Journalistenschredder)

Wie sich der Westen selbst zerstört

Die hiesige Wirtschaft befindet sich in einer kritischen Situation. Die rechten Politiker beschwören unseren Patriotismus, die linken Politiker beschwören unsere Solidarität. Doch unter dem Motto “Geiz ist geil” strömen sehr viele von uns zu den grossen Discountern, die ihre Mitarbeiter antreiben, überwachen, unterbezahlen. Ihre Produkte sind oft aus Billiglohnländern wie China, es ist Massenware, und je mehr wir kaufen, desto grösser wird das Einkaufsvolumen dieser Firmen. Es wächst damit die Wirtschaft in den Billiglohnländern, die hiesigen Traditionsunternehmen (zum Beispiel Schiesser oder Märklin) müssen schliessen.


Bild: CC Flickr meine erde

Wir zahlen dabei vor allem die Dienstleistung der Discounter, also den Transport und den Vertrieb der Ware sowie die teilweise ausgebeuteten Mitarbeiter in den grossen Hallen der Vorort-Industriegebiete. Ein Paar Schuhe nämlich, egal welche Marke, egal welche Grösse, kostet in China kaum mehr als einen Euro an Produktionskosten (1 Euro, das sind 50 Cent pro Schuh).


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“Das Magazin” zerlegt sich in Häppchen

Im neuen “Magazin” von Tamedia glänzt nach dem Relaunch vor allem die Werbung. Sind die grossen Zeiten nun vorbei? Muss der publizistische Leuchtturm ein Heftli werden?

“Facts” ist eingestellt, die “Weltwoche” verkauft immer neue Teile ihrer Titelseite und ich erkenne meine Lieblingslektüre der letzten 25 Jahre, das “Magazin”, nicht wieder. Als ich das komplett überarbeitete und am 3. Januar 2009 erstmals in grösserem Format erschienene Heft erstmals durchblätterte, stach mir vor allem die Werbung ins Auge, die sich in frohen Farben von den matt kolorierten redaktionellen Inhalten abhebt. Das publizistische Konzept wirkt damit wie auf eine bis vor kurzem nicht denkbare Weise umgekehrt: Nicht mehr die Werbung ergänzt die Inhalte, sondern die Inhalte ergänzen die Werbung.

Und es tauchen redaktionelle Inhalte auf, die mich stutzen lassen. Es erscheinen Artikel über pseudomoderne Fahrräder, die viel Geld kosten, allerdings keine Bremsen und Lichter haben – irgendwie der letzte Schrei. Oder es wird eine ganze Ausgabe mit Inhalten gefüllt, die zuvor im Geschäftsbericht des Detailhändlers Migros erschienen sind. Flankiert mit bezahlter Werbung – der Migros.

Das Magazin
Eine Vorliebe für Hemden, Krawatten, Anzüge? Foto: Ronnie Grob

Als Res Strehle im April 2007 vom Magazin-Chefsessel in die (zunächst stellvertretende) Chefredaktion des Tages-Anzeigers stiess, folgten im Magazin Finn Canonica und Guido Mingels (Stv.) nach. Ehemals der Ort für lange, herausragende Sozialreportagen, für Denkanstösse, für politische und wirtschaftliche Hintergründe, wandelt sich das Heft unter der neuen Führung in einen Styleguide der versnobten, städtischen Eltern. Die Themen drehen sich vornehmlich um Stil, Mode, Kochen, Frauen, Kinder, Reisen, Trends. Politik? Ja, aber dann nur die menschliche Seite. Gesellschaft? Ja, aber nur, wenn etwas Glamour dran ist. Wissenschaft? Das ist zu trocken, das geht nur aufgepeppt. Investigationen? Verlaufen nicht immer günstig; Redaktionsmitglied Sacha Batthyany widerfuhr das Unglück, in Liverpool von einem Fünfzehnjährigen ausgeraubt zu werden.


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Politik im Internet, Jahr 2009

Wurde er dazu gezwungen? Hätte man ihn vorher dopen müssen? Wird ihn dieses Video sein Leben lang verfolgen? Oder ist es einfach der fulminante Startschuss einer grossen Politiker-Karriere?