Monatsarchiv für Juli 2009

 
 

Wie das mit der Ironie eben nicht geht

Die Aktion “Geh nicht hin” ruft zum Wahlboykott auf, verlangt aber, dass dieses Vorgehen klar als ironisch erkannt wird. Zuseher, die dieser Idee nicht folgen können, werden von Exponenten der Aktion als “Idioten, die Ironie nicht verstehen” bezeichnet.

Ich habe ein Video (youtube.com, 1:10 Minuten, 17. Juli) gesehen, in dem “Weltstars wie die Geigerin Anne-Sophie Mutter neben jungen youtube-Helden wie Buddy Ogün, Tagesschau-Mann Jan Hofer neben dem palästinensisch-stämmigen Rapper Massiv aus dem Berliner Wedding” und andere den Wählern in Deutschland sagen, sie sollen nicht zur Wahl gehen. Die Website dazu heisst gehnichthin.de.

Geh nicht hin!
Screenshot youtube.com

Etwas später dann wurde ein zweites Video (youtube.com, 1:08 Minuten, 26. Juli) hochgeladen, das genau gleich beginnt und dann nach über einer Minute erklärt, alles bisher gesagte sei nur Blödsinn, natürlich solle man wählen gehen. Die Aktion ist keine eigene Idee, sondern um eine Kopie aus den USA (youtube.com, 4:45 Minuten). “Als großer Unterschied – neben wesentlich bekannteren Promis – lieferte der US-Spot aber die Auflösung von Beginn an mit” (heise.de, 29. Juli).

Offenbar ist es so, dass die Initianten und die Protagonisten dieses Aufrufs davon ausgehen, es gebe einen Common Sense, dass zur Wahl gehen eine wichtige und unbedingt wahrzunehmende Bürgerpflicht ist, die so unumstritten ist, dass man sie problemlos ironisch brechen kann. Sie glauben wohl, das sei so, als würde man sagen: “Natürlich fällt dieser Apfel nicht zu Boden, wenn ich ihn loslasse.” Oder: “Die Sonne geht morgen nicht auf.” Oder: “Du wirst schon nicht sterben, wenn du jetzt vor diesem einfahrenden Zug auf die Gleise stehst.”

So ist das aber nicht.


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“Qualitätsjournalismus” mit Newsnetz (9)

tagesanzeiger.ch ScreenshotBild: Screenshot tagesanzeiger.ch

Als ich im 13. Oktober 2008 den Artikel “Tamedia: Vom Seriös- zum Boulevard-Verlag” publizierte, entgegnete mir von vielen Seiten Kopfschütteln. Das sei eine übertriebene Zuspitzung, unfair, nicht angebracht, und so weiter. Am gleichen Tag veröffentlichte der Branchendienst persoenlich.com ein Interview mit dem neuen Leiter des Newsnetz, Peter Wälty. Er sagte damals über die Zeitung, die einem zuerst einfällt, wenn man an Tamedia denkt:

“Wir werden niemals in Versuchung geraten, einen Tages-Anzeiger zu trivialisieren”

Na gut, aber dann soll mir doch bitte mal jemand erklären, wieso Rico Bandle, der Leiter des Kulturressorts der Online-Präsenz des Tages-Anzeigers, also sowas wie der Leiter des Feuilletons, sich mit einer Handkamera in die Klinik Hirslanden einschleicht und versucht, ein Foto der Zwillinge des Tennisspielers Roger Federer zu knipsen. Im Bericht vom 27. Juli 2009 heisst es:

Noch nie war die Gelegenheit so günstig, der Welt ein schönes Föteli, dem Arbeitgeber mit dem Verkauf des Bildes ein gutes Sackgeld und sich selbst einen Fensterplatz am Paparazzi-Himmel zu schenken.

Liebe Kopfschüttler, was jetzt? Ist es in Ordnung, dass der “Kulturchef” im Namen des Tages-Anzeigers die Privatsphäre von Roger und Mirka Federer missachtet? Wenn Menschen wegen Babyfotos unerwünscht von Reportern nachgestellt wird – was anderes ist das als Boulevard? Gibt es eigentlich noch jemanden, der glaubt, die vormals seriöse Marke Tages-Anzeiger sei noch nicht trivialisiert? Wenn ja, bitte vortreten. So jemanden würde ich gerne kennenlernen.

Nach eigener Aussage ist Newsnetz, der Online-Auftritt von Schweizer Tageszeitungen wie Tages-Anzeiger, Bund, Berner Zeitung oder Basler Zeitung “der schnellste Qualitätsjournalismus im Netz”.

Frank A. Meyer verharmlost Rechtsradikale und Sekten

Frank A. Meyer, “ein Journalist, mittlerweile pensioniert, der in Berlin lebt” (Zitat Christian Unger), antwortet Marc Walder in einem Interview im Magazin des Sonntagsblicks vom 26. Juli 2009 auf eine Frage zu einem Titel der Zeitschrift Weltwoche:

Sie zitieren allen Ernstes ein rechtsradikales Sektenblatt?

Man kann ja zur Weltwoche stehen, wie man will, aber wer eine Zeitschrift, die weder mit Rechtsradikalen noch mit Sekten etwas am Hut hat, so bezeichnet, der muss sich vorwerfen lassen, damit die wahren Probleme, die Rechtsradikale und Sekten darstellen, zu verharmlosen.

Sollte die zitierte Passage nicht inhaltsleer und diffamierend sein, so würde mich interessieren, wie Frank A. Meyer seine Haltung begründet. Bleibt sie unbegründet, kann man Meyer wohl getrost einen Schaumschläger nennen. Und sich dann fragen, warum er eigentlich wöchentlich zu Wort kommt.

(via Norbert Neininger, der ein Foto von den ausgedruckten Buchstaben gemacht hat)

“Qualitätsjournalismus” mit Newsnetz (8)

Am 23. Juli 2009 erschien auf tagesanzeiger.ch der Artikel “Der Nachrichtensprecher, dem die Amerikaner vertrauen, ist ein Komiker” über Jon Stewart. Der letzte Abschnitt des Artikels sieht so aus:

tagesanzeiger.ch Screenshot
Bild: Screenshot tagesanzeiger.ch

Dann besuchen wir den Wikipedia-Artikel zu “The Daily Show” und lesen unter Ausstrahlungstermine:

In Europa ist am Wochenende auf CNN International ein Zusammenschnitt der vier Ausgaben unter dem Titel The Daily Show – Global Edition zu sehen. In Deutschland strahlt Comedy Central montags um 0:40 Uhr und donnerstags um 1:20 die “Global Edition” mit deutschem Untertitel aus. Die englischsprachigen Originalepisoden sind auch aus Deutschland auf der offiziellen Website des Senders abrufbar.

Hm. Wäre es da nicht vielleicht schlauer, gleich Wikipedia zu lesen? Ja, denn während bei Wikipedia von der “Website des Senders” zu lesen ist (richtig), ist bei tagesanzeiger.ch von der “Webseite des Senders” zu lesen (falsch).

(via Newsnetz.ch Watch)

Nach eigener Aussage ist Newsnetz, der Online-Auftritt von Schweizer Tageszeitungen wie Tages-Anzeiger, Bund, Berner Zeitung oder Basler Zeitung “der schnellste Qualitätsjournalismus im Netz”.

Skandal Cross-Border-Leasing

Ich bin erstaunt, wie wenig Aufmerksamkeit die Medien dem Skandal widmen, der Exekutivpolitiker betrifft und Cross-Border-Leasing (CBL) heisst. Kürzlich konnten nur zwei lange und lesenswerte Artikel von Roland Kirbach in der Zeit meine Aufmerksamskeitsschwelle überschreiten.

Cross-Border-Leasing: Für dumm verkauft“, zeit.de, 12.03.2009
Kommunen: Die Rathauszocker“, zeit.de, 16.07.2009

Die anderen Medien machen ihren Konsumenten offenbar lieber mit der Schweinegrippe Angst. Was für Gründe mag das haben? Im zweiten Artikel von Kirbach gibt es einen österreichischen Bauer, der morgens, bevor er in den Stall geht, auf seiner Homepage alles veröffentlicht, was er über die CBL-Geschäfte des regionalen Stromkonzerns TIWAG, der Tiroler Wasserwerke AG, findet. Diese schalten seine Domain ab, er findet eine Ausweichadresse. Der Konzern schickt Unterlassungserklärungen, die er nicht unterschreibt, verklagt ihn auf 500′000 Euro und setzt einen Privatdetektiv auf ihn an, der mit 150′000 Euro entlöhnt wird. Danach gewinnt der Bauer alle Prozesse gegen den Konzern. Äh. Ist das nicht so ungefähr alles, was eine interessante Story ausmacht?

Glauben denn die anderen Medien nicht, dass es zum Beispiel die Berliner interessieren könnte, wenn ihre Verkehrsbetriebe BVG, die gerade auf Druck der Behörden auf unbestimmte Zeit fast alle S-Bahnen ausfallen lassen, “zwischen 1997 und 2002 insgesamt 22 Leasingverträge” abschliessen? Könnte es nicht sein, dass das “Loch von 157 Millionen Euro” im Budget, das durch die Verträge ausgelöst wurde, Grund ist für die ausgelassenen Sicherheitskontrollen, die die Behörden nun einfordern? [Edit 22.7.: Nein, könnte es nicht, siehe Kommentare] Dass der Berlin-Bewohner, also ich, vielleicht eben wegen diesen Verträgen und den damit einhergegangenen Sparmassnahmen nicht S-Bahn fahren kann? Ok, andere reden die Ursachen betreffend lieber von “Heuschrecken”, die, “weil sie so gierig sind”, den Betrieb “auspressen”.

Wie viel auch immer die Verluste mit den aktuellen Problemen zu tun haben, ein Skandal ist CBL in jedem Fall. Nicht nur, weil grobfahrlässig gehandelt wurde (und wird, mit den Nachfolgeprodukten von CBL) – sondern auch, weil bis heute wenig bis gar nichts geschieht. Die Medien berichten nicht darüber, die Täter werden nicht belangt, es herrscht eisiges Schweigen, vor allem aber Nichtwissen.

Als Einstieg ein paar Zitate aus dem zweiten Artikel:
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