Alle Beiträge von Ronnie Grob

Der Cottbusser Podcaster patzte beim Posten der Podcast-Codes

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Den Titel dreimal hintereinander schnell und fehlerlos ausgesprochen gibt einen Award. Hab ich so am Radio gehört.

In der Wohnung unter mir heult ein Hund, schon seit Stunden meldet er sich immer mal wieder zu Wort kann man ja nicht sagen. Es ist mehr so ein An- und Abschwellen von U-Tönen in tief-hoch-mittel-mittel-mittel. Der Hund singt erst seit heute, vielleicht ist er aus den Ferien zurückgekehrt. Aber der Hund ist ok (vermutlich weil ich ihn noch nicht lange kenne).

Ebenfalls aus den Ferien zurückgekehrt ist ein anderer Mieter unter mir, möglicherweise des Hundes Herrchen. Weil die Wände eher dünn sind oder weil er eine lautdeutliche Stimme hat, weiss ich, dass er ganz viel Ärger hat mit einem Wesen, das sich noch nie zu Wort gemeldet hat oder aber viel wahrscheinlicher eine Stimme hat, die man auch ohne Wände und Böden kaum vernimmt. Weil sie, wenn sie schon etwas putzt, es doch bitte richtig machen soll. Denn sonst werde er noch wahnsinnig, schliesslich habe er ihr das schon so oft erklärt. Davon abgesehen ist er offenbar total easy drauf, er hört gerne Reggae. Na vielleicht zum beruhigen.

Irgendwann am Mittag diese Woche lief ich an einer Wiese vorbei. Es regnete in Strömen und war mehr oder weniger kühl, wie es nun mal kühl ist, wenn es in Strömen regnet. Auf der Wiese stand ein Fussballtor, erstaunlicherweise nur eines, dafür ein grosses, echtes, weisses und das ziemlich in der Mitte. Das ist sehr unwahrscheinlich und auch nur meine Erinnerung, die, wie es uns allen widerfährt, selbst wenn wir das nicht glauben wollen, oft ziemlich wenig mit der Wahrheit zu tun hat. Ich stand allerdings eine Strasse und einen Parkplatz und einen Zaun davon weg und es regnete, wie ich das schon erwähnt habe.

Mit Sicherheit aber sah ich auf dem Fussballfeld viele kurzbehoste und kurzbeärmelte Oberstufenschüler, die mit Speeren um sich warfen. Es mag wegen dem regnerischen Wetter gewesen sein und dem durch Bewegung naheliegenden Wärmeausgleich, doch die Kinder waren sehr engagiert. Immer wieder zogen sie die sicher im schuleigenen Geräteraum von einem gewissenhaften Hausmeister auf japanische Samuraischwertschärfe gespitzten Lanzen aus dem matschigen Boden und warfen sie in alle erdenklichen Richtungen.

Hätte es nicht geregnet und stattdessen die Sonne geschienen, hätte sich der Himmel wohl verdunkelt. Jeder verantwortliche Lehrer, Inspektor oder Rektor aus dem südlich angrenzenden Land wäre unter Tränen und Schreikrämpfen zusammengebrochen angesichts dieser Szenen, denn es sah wahrlich aus wie in Sparta. Die Eltern der Kinder hätten noch aus dem vor der Schule parkenden Auto ihre Anwälte angerufen und diese zu einer flächendeckenden Klagewelle verpflichtet, in der wegen schwerwiegender Vernachlässigung der Lehraufsicht mit den möglichen Gefahren schwerer Krankheit (durch Regen) und Todesfall (durch Speerwurf) lebenslanger Verzicht auf jegliche Verantwortung gefordert worden wäre oder gleich die Einweisung in die Psychiatrie.

Nicht aber an einer Berliner Schule. Dort stand der Lehrer mitten unter den Schülern, gab engagiert Anweisungen und reagierte nicht mit der kleinsten Regung, als er von einem nur Meter von ihm einschlagenden Speer überrascht wurde. Als Schlussübung wurden dann die Speere über das Fussballtor geworfen, was manchmal gelang und meistens nicht.

Das ist jetzt viel zu viel Text für die paar Sekunden, die ich zugesehen habe. Ich hätte auch gerne länger zugeschaut, doch es, hab ich es schon erwähnt, regnete, und wer schon nähert sich freiwillig mit Speeren bewehrten Schülern. Der Hund hat unterdessen gewechselt auf einen hohen, aber abschwellenden Langton mit Unterbrüchen.

Martin Riemer, 45, IT-Assistent an einer Grundschule, Berlin-Kreuzberg

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Da ich an einer Grundschule in Friedrichshain-Kreuzberg arbeite, stehe ich sehr früh auf, um kurz vor 6, und mach mich dann erst mal bereit und klapp den Laptop auf. Kurz nach 7 radle ich dann von Kreuzberg nach Friedrichshain rüber, schliesse den Computerraum auf, sag Hallo im Lehrerzimmer, hol meinen Schlüssel ab und bereite mein Tagesgeschäft vor. Ich hab mit Kindern und Lehrern zu tun. Den ganzen Morgen, während Unterricht ist, helfe ich den Schülern, Probleme am Computer zu lösen – und bin somit der Feuerwehrmann vor Ort. Ich löse Fragen wie „Was ist denn jetzt los? Wie speicher ich das? Wie kann man denn Dokumente ausdrucken? Wie rücke ich eine Überschrift in die Mitte?“. Man könnte mich auch als der Speicherer der Schule bezeichnen, zum Beispiel fotografiere und archiviere ich auch Schülerfeste.

Schwieriger ist es dann schon, einem Kind zu erklären, was ein Hyperlink ist. Ich sag das dann so: Stell Dir vor, Du latschst auf einem riesigen Blatt Papier herum und da steht ein Text drauf. Dann kommst du an ein Wort und da guckt eine Kante raus. Und da geht eine Tür auf. Und die geht in den Keller runter. Oder in den Speicher hoch. Und dann bist du in einem anderen Raum.

Von Haus aus bin ich Tischler in der vierten Generation und hab im elterlichen Betrieb bei meinem Vater gelernt. Mein Wunschsberufsbild im Moment wäre IT-Assistent an einer Grundschule. Inoffiziell bin ich „der Riemer für alles“. Zum Job bin ich so gekommen: Ich war eine Weile arbeitslos und sollte vom Arbeitsamt aus an irgendeinen Platz geschickt werden. Ich bin darauf mit meiner Idee, mit den Schülern einer Grundschule ein Weblog zu führen, an die beteiligten Personen herangetreten, denn ich wollte ja nicht einfach irgendetwas machen. Ein Freund von mir erklärte sich bereit, das Hosting zu übernehmen und so führen wir nun seit November 2006 ein Weblog, das sich unterdessen mit über 400 Kommentaren gefüllt hat, was zeigt, dass es von den Schülern und Schülerinnen ernstgenommen wird.

Im Blog hat jeder einen Spitznamen. Die Zugriffe sind, da das Blog nur innerhalb der Schule zugänglich ist, natürlich beschränkt. Die Rückmeldungen darauf waren gut, an den Elternabenden konnte ich auch den nicht internetaffinen Eltern erklären, was es heisst, ein Blog zu betrieben. Ein Blogbeitrag entsteht entweder aus einem aktuellen Ereignis oder es ist so, dass eine Idee vorliegt, entweder von mir oder von einer Lehrperson.

Mein Prinzip ist „Lernen durch abgucken“ und das scheint zu funktionieren, denn immer mehr Beteiligte stellen immer weniger Fragen. Ich betreibe eine Politik der offenen Tür und bin sehr froh, dass das auch funktioniert. Es ist ein sympathisches Chaos, in dem man keine Schalterstunden anberaumen kann. Meinen Job sehe ich als Plug-In, als Bereicherung zum üblichen Programm. Ich bin sehr zufrieden damit und würde ihn gerne auch auf andere Schulen ausweiten.

Ich bin selbst sehr lange zur Schule gegangen, was ich mittlerweile auch ganz furchtbar finde. Aber wer meint, dass Lehrer und Erzieher nur immer Ferien haben, liegt falsch. Im Gegenteil, die haben ein anstrengendes Leben. Lehrender sein ist eine Bühne und ein Kick: Um 8 die erste Präsentation, um 9 die zweite.

Ich wohne seit zehn Jahren in Berlin und bin hier gerne am Wasser. In meiner Freizeit blogge ich, schon seit 2004. Fernsehen habe mehr oder weniger abgeschafft. Sport mach ich im Moment nicht, war aber ’76 mal badischer Meister, 4 x 100 Meter. Ich glaube, ich bin ein gutes Beispiel dafür, wie alles durch den Wolf gedreht wird: Freizeit, Arbeit, glücklich sein.

Byebye Blumfeld

blumfeld

nanu, denk ick, jetzt bin ich uff, erst war ich zu
dann geh ich raus und kieke
und wer steht draußen: icke

Blumfeld, die Band mit dem Namen des älteren Jungesellen aus einer übrigens sehr lesenswerten Kurzgeschichte von Franz Kafka, gibt ihre letzten Konzerte. Ich war an einem von denen, am Montag, im Postbahnhof. In Hamburg und Zürich kann man sie übrigens im Mai noch sehen.

Mit Blumfeld verbindet mich eine längere Geschichte. Es war die Band mit den Texten, von denen ich anfangs so gar nichts verstanden habe, die mich aber dennoch anzogen. Die Band mit den Harmonien, die einen, fast ähnlich wie Sonic Youth, erst bei wiederholtem Hören faszinierten. Die Band, die, ähnlich gewissen Blogeinträgen, Worte aus allen möglichen Quellen schöpfte und so neue Texte schmiedete. Die Band, die nicht nur den Eindruck erweckte, etwas Schönes zu sagen, sondern dazu noch etwas Wichtiges. Kaum aber hatten das alle begriffen und sie mit den Attributen Diskurs und Politik versehen, machten sie ein Album, von dem sie wie Knuddelbären vom Cover guckten. Und noch eins und noch eins und die ernsten und sich politisch fühlenden Menschen stürzten in tiefe Gefühlswirrnisse. Nicht wenige reagierten darauf mit unbedingter Ablehnung, nannten alles Schlager und trösteten sich mit alten Vinylplatten von Bands, auf denen ihre kleine Welt noch in Ordnung war.

Nun also stehen sie da auf der Bühne. Keine Vorband, keine Ansagen, einfach Blumfeld aus allen Alben und Jahren. Um die 12 Euro hat mich das gekostet, im Vorverkauf, da hätten sie sicher auch das Doppelte verlangen können. Haben sie aber nicht. Sie haben dafür zwischen neun und elf zwei Stunden lang gespielt, mit insgesamt drei Zugaben. Zu Beginn fand ich es etwas harzig. Sänger Jochen Distelmeyer sang oder sprach, wie mans nimmt, da er nicht wie ab Platte singen wollen, immer etwas anders. Neben mir hüpfte ein betrunkenes Paar enthusiastisch auf und ab, als hätten sie beide unabhängig voneinander eben im Lotto gewonnen. Und zwischen den Stücken schrien aktive und engagierte Berliner Zuschauer ihre wichtigen persönlichen Botschaften. Ok, der, der jedesmal „Jooooooooochen“ rief, kriegte den Running Gag hin.

Mit einem Lied, das ich eigentlich überhaupt nicht mag, auch wenn es ein sehr netter Popsong ist, „Der Apfelmann“, nahm er dann alle seine gefühlsausdrucksgehemmten Alter Egos auf die Schippe. Er forderte die Leute auf, den Diskurs zu verlassen und stattdessen mitzusingen und ihre Hände in die Höhe zu strecken, ganz, als seien sie keine ernsthaften Konzertbesucher, sondern irgendwelche schreienden Teenies an einem Tokio Hotel. Was nicht sehr überraschend viele überforderte.

Dann aber wurde es schnell wieder ernst. Am Konzert gab es genau einen Moment, der mich wie ein Blitz traf (einer der Momente, für die es sich zu leben lohnt). Nämlich als beim herausragenden, stillen, romantischen und einfachen Song „Kommst du mit in den Alltag“ in der Songzeile „Nieder mit den Umständen!“ für eine Sekunde die Faust hochging beim Mann vor mir, einem bewegungslosen, schlaksigen Mittzwanziger mit Brille.

Was bleibt sonst? Die nicht neue Erkenntnis, dass Blumfeld eine verdammt starke Band ist. Dass „Verstärker“ ein unglaublich guter Song ist. Dass ich sofort Geld ausgeben würde für ein zweites Abschiedskonzert. Dass ich gerne ein Buch lesen würde von Jochen Distelmeyer. Dass ich auch gerne die Zeilen „Und in den Straßen liegt der Staat und sagt: | was regst Du Dich und Deinen Magen künstlich auf | wärst Du doch bloß im Bett geblieben | ‚Au nee, weil ich so oberflächlich bin | kehrt sich mein Inneres nach außen | steht mir bis hierhin und ins Gesicht geschrieben“ geschrieben hätte. „Macht verrückt was euch verrückt macht“.