Tamedia holt Martin Spieler von Axel Springer Schweiz als neuen Chef der „Sonntagszeitung“

Es gibt ja nicht mehr so viele gute Nachrichten aus der Schweizer Printbranche. Gratiszeitungen, Entlassungen, Abbau von Qualität. Doch nun wird ein Blogger Chef der „Sonntagszeitung“ und löst damit den durchaus soliden, aber leider mit den Jahren doch etwas sehr langweilig und dünnhäutig gewordenen Andreas Durisch ab, siehe auch „Was für Andreas Durisch Meinungsfreiheit ist“, 17.10.2009.


Bild: Screenshot martinspieler.ch

Ob Martin Spieler tatsächlich eine gute Wahl ist für die vielleicht wichtigste Sonntagszeitung im Land, wird sich zeigen, aber man darf von frischem Wind ausgehen, wenn einer ans Ruder kommt, mit dem kaum einer, auch der Quotenmacher von „Persönlich“ nicht, gerechnet hat. Gestern noch galt Daniel Dunkel als Kronfavorit.

Spielers quantitativer Leistungsausweis jedenfalls ist eindrücklich. Während rund um ihn herum die meisten Zeitungen massive Einbrüche erlitten, steigerte er die verkaufte Auflage seiner „Handelszeitung“ von 2005 bis 2009 von 30545 auf 43940, um satte 44 Prozent.

Auflage Handelszeitung
Bild: Screenshot nzz.ch, leider auch da fast nicht zu lesen. Die Zahlen sind von 2005, 2008 und 2009. In der letzten Spalte die Veränderung zwischen 2005 und 2009.

Auf so einen sollte eigentlich auch Deutschland aufmerksam werden, gut also für die Schweizer Medienszene, dass sie ihn behalten kann. Es fragt sich, ob er auch etwas anderes kann als Politik und Wirtschaft, aber für eine Sonntagszeitung mit publizistischem Anspruch ist es sicher schon mal nicht schlecht, wenn er wenigstens das kann.

Als negativ empfinden viele seine (zu) nahe Verbindung zur Finanzwirtschaft. Und böse Zungen munkeln, die Einsetzung von Spieler sei eine reine Sparmassnahme, da er vom Leitartikel über den Blog bis zu den Interviews alles selbst macht. Tatsächlich ist Spieler sehr aktiv, wie man seinem Profil entnehmen kann.

Vielleicht liegt die rasant in den Keller stürzende Bedeutung vieler Schweizer Printmedien eben nicht nur am Medienwandel, sondern auch an den sich durch den Abbau nicht mehr wandelnden Führungsstrukturen in den Redaktionen. Es könnte auch ein Zeichen dafür sein, dass Tamedia vom Sozialismus im eigenen Haus genug hat und neue Wege einschlägt. Hätte sie sich sonst einen Chefredakteur von Axel Springer Schweiz geholt?

Nachtrag, 2. März 2010, 16 Uhr: Ganz so einfach ist das nicht mit der positiven Auflagenentwicklung der „Handelszeitung“. Das grosszügige Plus von 44 Prozent resultiert zu einem guten Teil aus übernommenen Abos der eingestellten Zeitung „Cash“.

Nachtrag, 15. Februar 2013: Ich habe mich auf medienwoche.ch mit Martin Spieler und der „Sonntagszeitung“ mal etwas ausführlicher beschäftigt, hier mein Text: „Chefredaktor am Sonntag“.


Kommentare

2 Antworten zu „Tamedia holt Martin Spieler von Axel Springer Schweiz als neuen Chef der „Sonntagszeitung““

  1. Das Problem ist halt, dass inzwischen alle Printmedien in der Schweiz unter dem Dach von zwei Grosskonzernen sind. Unabhängiger, kritischer Journalismus ist so schlichtweg nicht (mehr) möglich.

  2. […] was ist mit den Kritikern? Ich selbst feierte in einem Blogtext 2010 die Auflagezahlen von Martin Spieler bei der Handelszeitung, bis ich merkte, dass der Gewinn aus […]

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