Archiv der Kategorie ‘Gesellschaft‘

 
 

Was bedeutet “Vergewaltigung” in Schweden?

Durch die Verhaftung von Wikileaks-Gründer Julian Assange am 7. Dezember 2010 ist die Frage aufgetaucht, was denn nun in Schweden alles als Vergewaltigung gilt.

Schweden
Bild: Schwedische Fussballfans in München, Flickr/4mediafactory, CC BY-Lizenz

Schauen wir doch einfach mal nach. Auf dem Faktenblatt “New legislation on sexual crimes” (PDF-Datei, 118 kb), das vom Schwedischen Justizministerium 2005 herausgegeben wurde. Das Dokument beschreibt die Neuerungen der ab dem 1. April 2005 gültigen Gesetzgebung für Sexualstraftaten.

Ich habe mal versucht, das zu übersetzen (Fehler und Verbesserungsvorschläge bitte in den Kommentaren rückmelden, danke):

Die Verordnung zur Vergewaltigung wurde erweitert, indem das Mass an Gewalt herabgesetzt wurde. Um wegen Vergewaltigung verurteilt zu werden, genügt es unter der neuen Gesetzgebung, wenn der Täter das Opfer zu einer sexuellen Handlung durch einen Überfall, durch Gewalt oder durch Androhung einer kriminellen Tat gedrängt hat. Das heisst bezüglich des Ausmasses an Gewalt, dass weniger schwere Formen von Gewalt ausreichen. Was den Grad der Bedrohung betrifft, ist es nicht weiter erforderlich, dass die Gefahr unmittelbar Leben oder Gesundheit oder andere massgebliche Interessen bedroht. Stattdessen kann ein geringer Grad der Bedrohung ausreichen, um für eine Vergewaltigung verantwortlich gemacht zu werden.

The provision on rape has been broadened by lowering the requirement of force. In order to be convicted for rape it is sufficient under the new legislation if the offender has forced the victim to engage in a sexual act through assault, violence or the threat of a criminal act. This means that with regard to the requirement of violence, less grievous forms of violence will be sufficient. As to the degree of threat, it is no longer required that the threat be of the kind that constitutes a threat of imminent violence endangering life or health or some other more significant interest. Instead, a lesser degree of threat can suffice for liability for rape.


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Was ist konservativ?

Werner J. Patzelt ist Inhaber des Lehrstuhls für Politische Systeme und Systemvergleich an der Technischen Universität Dresden. Für dresdeneins.tv hat er sich um die Frage gekümmert, was eigentlich konservativ ist.

Werner Patzelt
Bild: Screenshot dresdeneins.tv

Ab 10:15 Minuten sagt er zum Beispiel:

Welche Parteien sind denn nun konservativ? Gewiss nicht eine Partei wie die NPD, die den bestehenden Zustand ja nicht aufrecht erhalten, sondern umwerfen und beseitigen will. Wie sieht es aus mit jenen Parteien, die unseren Sozialstaat aufrecht erhalten wollen, wie etwa der SPD oder der Linkspartei? Sind die nicht eigentlich konservativ? Und gar erst die Grünen, die für Nachhaltigkeit beim Umgang mit natürlichen Ressourcen, die für Nachhaltigkeit bei der Finanzwirtschaft, beim staatlichen Verhalten eintreten und für die Stabilität des Weltklimas werben?

Man sieht: Es ist gar nicht so einfach, Konservatismus mit parteipolitischen Gruppierungen zusammenzubringen. Und hier ist es insbesondere eine Gleichsetzung, die in die Irre führt. Auch sie geht zurück auf die französische Revolution. Es ist die Gleichsetzung von rechts mit konservativ und von links mit fortschrittlich. Im Grunde verdankt sich diese Gleichsetzung nur dem, dass während der Revolution in der revolutionären Nationalversammlung Frankreichs die gemässigten Revolutionäre vom Präsidenten gesehen aus rechts sassen und die radikalen links. Und dass sich dieses Muster in den europäischen Parlamentssälen jahrhundertelang erhielt. Rechts sitzen jene, die vorsichtig mit dem bestehenden Zustand umgehen wollen und links jene, die ihn überwinden wollen.

Und weil diese Gesässgeografie mit den tatsächlichen politischen Herausforderungen immer weniger zu tun hat, führt die Gleichung “rechts gleich konservativ”, “links gleich fortschrittlich”, in die Irre.

“Sind Sie konservativ?”
(dresdeneins.tv, Video, 14:46 Minuten, vom 21. September 2010)

Berlin Neukölln im rasanten Wandel

Noch vor kurzem war Berlin Neukölln vor allem als Problembezirk mit vielen Sozialhilfeempfängern bekannt. Doch es hat sich in den letzten drei Jahren sehr viel geändert. Während die Kneipen “Freies Neukölln” und “Ä” in der Weserstrasse noch Ende 2007 nahezu die einzigen waren, die sich von der klassischen Eckkneipe abhoben, gibt es drei Jahre später eine Flut von Läden aller Art, die sich der Flut der aus aller Welt in den Bezirk neu zuziehenden anbieten.

Die Leute von “Freies Neukölln” (Sender), die sich als erste ins (angeblich) wilde Neukölln gewagt haben, betrachten die von ihnen unfreiwillig ausgelöste Entwicklung inzwischen kritisch. Aber sehr unterhaltsam:

Der Wandel ist für westeuropäische Verhältnisse atemberaubend und bringt positive und negative Folgen mit sich. Es geschieht, was man sich vor wenigen Jahren noch nicht vorstellen konnte. Was zum Beispiel dieser Tweet von Kathrin Passig zeigt:

Gentrifizierungsupdate Neukölln

(via @martinriemer)

Schlafftivisten

Jesse Brown (@jessebrown) nimmt sich dem Slacktivism an und stellt fest, dass die Medien etwas Mühe mit ihnen bekunden, weil sie keine Transparente malen und nur im Notfall auf die Strasse gehen:

Es bleibt die Frage, welche Tätigkeiten etwas auslösen und welche überhaupt nichts.

Arschlochkind – ein Jahr Frau Freitag

Zum 1. Geburtstag eines zu wenig beachteten Lehrerinnen-Blogs.

Blogger werden (von Journalisten) oft gefragt, wo denn nun bitteschön all diese tollen Blogs sind, die angeblich die ganze Medienlandschaft umpflügen werden. Auch wenn man weiss, wie viele tolle Blogs es gibt, weil man ja täglich welche liest, kommt man dann je nach dem in Erklärnot. Denn ja, nicht alle Blogs sind toll, und ja, viele reagieren mehr, als dass sie agieren, und ja, viele haben auch in vielen Zeilen nichts zu sagen, und ja, Bloggen ist auch 2010 für die Meisten entweder Hobby oder Selbstausbeutung.

Man weiss zwar genau, dass es viele grossartige Blogs gibt, aber wenn man nicht beruflich mit ihnen zu tun hat, verliert man sie aus Zeitgründen schnell aus dem Sichtfeld. Eines dieser Blogs ist das Blog von Frau Freitag, das vor einigen Tagen den 1. oder 2. Geburtstag feiern konnte.

Frau Freitag

Wer Frau Freitag ist, weiss niemand so genau, denn sie schreibt (aus mir verständlichen Gründen) anonym. Vielleicht ist sie tatsächlich Lehrerin, vielleicht ist sie aber auch ein 12-jähriger Schüler, eine 73-jährige Pensionärin oder ein 40-jähriger Mann. Vielleicht schreibt sie aus dem echten Leben, vielleicht ist alles auch nur fiktiv (die Kategorie Lehrerfantasien zählt derzeit 49 Beiträge).

Um was geht es im Blog? Um eine Reihe von Lehrern, die Namen von Wochentagen tragen, um Schüler, die Ömer, Carlo, Samira, Micha, Dirk, Susie, Emma, Yusuf, Justin, Abdul, Daniela, Harun, Erol oder Emre heissen, um den Freund von Frau Freitag und um ein Frl. Krise. Personen, die echt sind oder auch nicht und die so beschrieben werden, dass man sie bald wie altbekannte Seriencharaktere vor sich sieht. Mehrmals in der Woche. Immer illustriert von einem dazu passenden Musikvideo. Manchmal schreibt Frau Freitag auch andere Erlebnisse auf, wie dieses Zusammentreffen mit jugendlichen Nazis.

Informiert über den Alltag an einer deutschen Schule ist das Blog auf jeden Fall derart gut, dass man sich kaum vorstellen kann, dass es von einer branchenfremden Person geschrieben wird. Wiederum ist das Blog so gut geschrieben, dass man sich kaum vorstellen kann, dass diese Lehrerin nicht ihr Geld mit Schreiben verdient. Es ist herrlich direkt und bringt alle Emotionen, die in der Lehrkörperschaft so schwelen, aufs Tapet. Diese Geschichte, die von Lehrerinnen handelt, die nachts um 2 Uhr einen Schüler anrufen und, als er verschlafen das Gespräch entgegen nimmt, “Arschlochkind!!! Arschlochkind!!! Arschlochkind!!!” in den Hörer schreien, ist, wie in den Kommentaren zu erfahren ist, “ab Zeile 44 rein fiktiv”. Trotzdem ist das mindestens einer Leserin schon zu viel:

Arschlochkind?

Vermutlich verstehe ich einfach den Witz nicht, wenn eine Lehrerin ihren Schüler — wenn auch nur fiktiv — ein Arschlochkind nennt.

An anderer Stelle antwortet Frau Freitag auf einen ähnlichen Kommentar wie folgt:

(…) ja, ich bin oft äußerst genervt und frustriert. Ich glaube, das geht allen so, die mit unsererem Schülerklientel arbeitet. Darf ich das nicht sein? Oder darf ich dass nicht in meinem Blog aufschreiben? Darf ich nicht darüber berichten? Was soll ich denn mit meiner Frustration und meinem Genervtsein machen, alles runterschlucken und krank werden?

Ich bin immer noch da. Ich gehe jeden Tag hin und arbeite mit Jugendlichen, bei denen die meisten Leute die Straßenseite wechseln, wenn sie sie nur sehen. Jugendliche, mit denen niemand was zu tun haben will. Und ich will auch mit genau denen arbeiten. Aber es ist eben nicht immer leicht und ja, es ist sehr oft frustrierend. Aber ich mag meinen Job sehr gerne. Soll ich das hier immer wieder aufschreiben?

Und was heißt denn, dass man „ahnen könnte, wie es eigentlich gemeint ist“? Ich meine immer genau das was ich schreibe. Ich komme nach Hause, hatte ein Scheißerlebnis mit einem Schüler, setze mich an den Computer, schreibe es auf und dann geht es mit schon besser. Und wenn ich da sitze, dann meine ich genau das was ich da schreibe. Das einzige, was ich mir vorwerfen könnte ist, dass ich die positiven Dinge, die in der Schule passieren nicht so gerne aufschreibe. Was soll ich hier schreiben, wie toll irgendwas gelaufen ist?

Aber keinen Respekt für meine Schülerinnen und Schüler… diesen Vorwurf finde ich schon fast unverschämt und überhaupt nicht nachvollziehbar. Denn ich respektiere meine Schüler in höchstem Maße! Und das wissen und spüren die auch!

In Berlin fand dieses Wochenende der Karneval der Kulturen statt, der sich grosser Beliebtheit erfreut. Da ist auch nichts dagegen einzuwenden. Doch es ist schon ein sehr grosser Unterschied, der multikulturellen Gesellschaft zwanzig Minuten lang vom Strassenrand aus zu applaudieren und dann wieder nach Hause zu gehen oder am echten Karneval der Kulturen teilzunehmen, wie er täglich in der Schule stattfindet. Der nämlich nicht nur schlecht bezahlt, sondern oft nur nervenaufreibend und anstrengend. Und Nachwuchs ist kaum in Sicht. Von den jungen Lehrern und Lehrerinnen gibt es in Berlin nur noch wenige, wie zu lesen ist, suchen diese eher den Beamtenstatus in den reichen Bundesländern.

Ohne alle Blogbeiträge von Frau Freitag gelesen zu haben, glaube ich, dass sie es hervorragend hinkriegt, Klartext zu schreiben, ohne Grenzen zu überschreiten. Sollte Frau Freitag tatsächlich selbst Lehrerin sein, was anzunehmen ist, so ist ihre Leistung, nämlich ihre Emotionen und täglichen Beobachtungen in Texte zu kanalisieren, nicht nur eine Massnahme zu ihrer eigenen psychischen Gesundheit, sondern ein Verdienst für die Allgemeinheit. Sie spricht aus, was andere nur denken. Sie zeigt auf, wie es in einem von vielen Schulzimmern aussieht. Sie liefert wichtige Texte aus dem Alltag, die man lesen will, weil sie nicht nur informativ, sondern auch unterhaltsam sind. Sie liefert mir ihren subjektiven, ehrlichen Blick, den ich annehmen oder ablehnen kann.

Ich finde, Frau Freitag hat mehr Aufmerksamkeit verdient. Überhaupt haben alle Lehrerinnen und Lehrer, die im schwierigen Dreieck der Ansprüche von Eltern, Kindern und Vorgesetzten einen guten Job machen und dabei auch noch fröhlich bleiben, mehr Aufmerksamkeit verdient.

Na, wie war’s in der Schule? (fraufreitag.wordpress.com)

Nachtrag, 25. Mai: Frau Freitag schreibt einen “Nachtrag zum Bloggeburtstag”:

Ich schreibe nicht anonym! Ich heiße Frau Freitag und BIN Lehrerin!!!! Ich arbeite – Vollzeit – an der Mohamad Atta Oberschule. Ich wundere mich, dass einige Leute schreiben, dass ich vielleicht gar keine Lehrerin sei. Klar, kann niemand wissen. Aber ich sag es hier ja ganz deutlich – ich bin Lehrerin! Immer, überall und Frau Dienstag auch und Frl. Krise sowieso. Und ich denke mir hier so gut wie gar nichts aus. Im Gegenteil, ich beschreibe nur die unverfänglichen Erlebnisse.

Nachtrag, 13. März 2011: Ich hab Frau Freitag ein paar Fragen gestellt.