Archiv der Kategorie ‘Medien‘

 
 

Usavich!

Auf Usavich gestossen, eine seit 2006 für MTV Japan produzierte Serie animierter Kurzfilme. Bewegt sich vom Gewaltpotential ungefähr auf dem Niveau von Itchy & Scratchy, ist aber rasanter und auch lustiger. Die Hauptdarsteller sind zwei Hasen, die aus einem russischen Gefängnis ausbrechen, ein Frosch und ein transvestites Küken.

Die 90-Sekünder von “Usavich” findet man per Suche auf YouTube, zum Beispiel die Folgen 27-39.

(via meinem neuen Lieblingsblog wtfjapanseriously.com)

Blut-Frisbee eint deutsche Presse

Titelseiten verschiedener Tageszeitungen vom 16. März 2010, via meedia.de:

"Süddeutsche Zeitung"

"Welt Kompakt"

"Tagesspiegel"

"Berliner Zeitung"

"Berliner Morgenpost"

"Freie Presse"

Tamedia holt Martin Spieler von Axel Springer Schweiz als neuen Chef der “Sonntagszeitung”

Es gibt ja nicht mehr so viele gute Nachrichten aus der Schweizer Printbranche. Gratiszeitungen, Entlassungen, Abbau von Qualität. Doch nun wird ein Blogger Chef der “Sonntagszeitung” und löst damit den durchaus soliden, aber leider mit den Jahren doch etwas sehr langweilig und dünnhäutig gewordenen Andreas Durisch ab, siehe auch “Was für Andreas Durisch Meinungsfreiheit ist”, 17.10.2009.


Bild: Screenshot martinspieler.ch

Ob Martin Spieler tatsächlich eine gute Wahl ist für die vielleicht wichtigste Sonntagszeitung im Land, wird sich zeigen, aber man darf von frischem Wind ausgehen, wenn einer ans Ruder kommt, mit dem kaum einer, auch der Quotenmacher von “Persönlich” nicht, gerechnet hat. Gestern noch galt Daniel Dunkel als Kronfavorit.

Spielers quantitativer Leistungsausweis jedenfalls ist eindrücklich. Während rund um ihn herum die meisten Zeitungen massive Einbrüche erlitten, steigerte er die verkaufte Auflage seiner “Handelszeitung” von 2005 bis 2009 von 30545 auf 43940, um satte 44 Prozent.

Auflage Handelszeitung
Bild: Screenshot nzz.ch, leider auch da fast nicht zu lesen. Die Zahlen sind von 2005, 2008 und 2009. In der letzten Spalte die Veränderung zwischen 2005 und 2009.

Auf so einen sollte eigentlich auch Deutschland aufmerksam werden, gut also für die Schweizer Medienszene, dass sie ihn behalten kann. Es fragt sich, ob er auch etwas anderes kann als Politik und Wirtschaft, aber für eine Sonntagszeitung mit publizistischem Anspruch ist es sicher schon mal nicht schlecht, wenn er wenigstens das kann.

Als negativ empfinden viele seine (zu) nahe Verbindung zur Finanzwirtschaft. Und böse Zungen munkeln, die Einsetzung von Spieler sei eine reine Sparmassnahme, da er vom Leitartikel über den Blog bis zu den Interviews alles selbst macht. Tatsächlich ist Spieler sehr aktiv, wie man seinem Profil entnehmen kann.

Vielleicht liegt die rasant in den Keller stürzende Bedeutung vieler Schweizer Printmedien eben nicht nur am Medienwandel, sondern auch an den sich durch den Abbau nicht mehr wandelnden Führungsstrukturen in den Redaktionen. Es könnte auch ein Zeichen dafür sein, dass Tamedia vom Sozialismus im eigenen Haus genug hat und neue Wege einschlägt. Hätte sie sich sonst einen Chefredakteur von Axel Springer Schweiz geholt?

Update am 2.3.2010, 16 Uhr: Ganz so einfach ist das nicht mit der positiven Auflagenentwicklung der “Handelszeitung”. Das grosszügige Plus von 44 Prozent resultiert zu einem guten Teil aus übernommenen Abos der eingestellten Zeitung “Cash”.

Journalismus statt Content

Content ist in aller Munde, es hat sogar zu einem Wikipedia-Artikel gereicht. Und alle jagen ihm nach, dem Content. Was früher Fakten, Fakten, Fakten waren, sind heute Inhalte, Inhalte, Inhalte. Und die müssen gebolzt werden, am besten 24 Stunden am Tag, auf allen Kanälen.

Doch weniger ist meistens mehr. Darum macht das herausragende Harper’s Magazine auch so Werbung für sich.

Da das Kleingedruckte etwas schwer zu entziffern ist, hier nochmals grösser:

Warum nicht auch so in deutschsprachigen Medien?

Georg Diez “angemessen empört” und “entsetzt, wie wenig recherchiert wird”

Es ist schon eine fesche Feuilleton-Debatte, die sich zwischen Bloggern, Literaturkritikern und Buchverlagen seit dem 5. Februar 2010 abspielt. Gestartet hatte sie Deef Pirmasens mit diesem Blogbeitrag über die Buchautorin Helene Hegemann. Er deckte auf, dass sich Hegemann in ihrem Roman “Axolotl Roadkill” an einigen Stellen von Blogger Airen “inspirieren” liess. Inzwischen sind viele weitere Belege hinzugekommen.


Diskutiert wurde über das Urheberrecht, kritisiert wurde aber auch das Orchester der Literaturkritiker, das nahezu einstimmig begeistert war von den Hegemann-Aufzeichnungen (“expressive Sprachgewalt”, “literarischer Kugelblitz”, “großer Coming-of-age-Roman der Nullerjahre”, etc.). Als Ausnahme zu nennen ist Simone Meier vom “Tages-Anzeiger”, am 2. Februar 2010:

Es ist das altkluge, pseudophilosophische, monologische Gekotze der Hauptfigur, einer 16-jährigen Göre in Berlin namens Mifti, die zwischen Partys, Drogenexzessen, Elternhass und bescheuerten Kreativszenis hin und her pendelt.

Doch nicht allen passte die Art, wie der Plagiatsvorwurf an Helene Hegemann im Internet geäussert wurde. Volker Weidermann in der FAZ war sie offenbar zu undifferenziert:

Man muss nicht einmal mehr denken oder argumentieren, um der Autorin seine Verachtung ins Gesicht zu schleudern.

Er hält den Roman weiterhin für bemerkenswert, dieses Promo-Video, “in dem kleine reiche Kinder mit Perlenketten den Text in verteilten Rollen lesen”, findet er sogar “irre komisch und grotesk”. So eine Meinung kann man natürlich haben. Weiter schreibt er:

Die „Süddeutsche Zeitung“ rief am Freitag die Kritiker, die das Buch zu Beginn gelobt hatten, zu einer Art Tribunal zusammen, um ihnen die Gelegenheit zum Widerruf zu geben. Einzig Georg Diez, der Autor des eigenen Blattes, reagierte angemessen empört und erklärte seiner Zeitung:

… auf die Frage, ob er auch nach der Plagiatsenthüllung noch zu seiner Meinung stehe …

“Das ist und bleibt sie absolut. Ich bin schockiert über die Dummheit der Diskussion. Literatur richtet sich nicht nach Zutaten. Die Wahrheit der Sprache hängt nicht an jedem einzelnen Wort. Ich bin entsetzt, wie wenig recherchiert wird. Familienstrukturen werden öffentlich gemacht, die keinen etwas angehen. Dieser paternalistische Ton ist ekelhaft.”

Einzig Georg Diez! Könnte es daran liegen, dass er sich im “Magazin” Helene Hegemann zu Füssen legte? Im “Magazin” des “Tages-Anzeigers”, das damit lustigerweise genau das Gegenteil seines Hauptblatts vertrat?

Zu Füssen? Ist das nicht etwas übertrieben? Entscheiden Sie selbst – so schwärmt Georg Diez in seinem Artikel vom 22. Januar 2010 von “Axolotl Roadkill”:

Sie hat ein Buch geschrieben, das einen überfährt, schnell, hart, geradeaus und praktisch ohne zu bremsen. (…)

Das Buch ist, einfach gesagt, phänomenal, die Autorin ist ein Phänomen, und vielleicht muss man sich entscheiden, was einen mehr interessiert. (…)

Helene Hegemann, so scheint es auf den ersten Blick, ist so etwas wie ein popkulturelles Aschenputtel. (…)

An ihrer existenziellen Unbehaustheit würde das auch nichts ändern, das weiss sie, sie ist so extrem selbstreflektiert im Gespräch, dass man sich schon fragt, wie alt dieses schnell redende Mädchen im Kopf wirklich ist. Dieser souveräne Umgang mit Selbstbildern, Popeinflüssen, feministischen und sonstigen Theoriefragen prägt auch das Buch, das auf dem Grat zwischen Intelligenz und Emotion fast traumwandlerisch unterwegs ist. (…)

Helene Hegemann ist, mit anderen Worten, und obwohl sie das nicht will und obwohl sie eigentlich zu alt dafür im Kopf ist, eine Stimme ihrer Generation. Auch deshalb stürzen sich die Journalisten so auf sie. Sie ist die jüngere Mischung aus dem Depressions-Bestseller «Mängelexemplar» von Sarah Kuttner und den körperlichen und sexuellen Selbsterkundungen, wie sie Charlotte Roche so erfolgreich in «Feuchtgebiete» vorgeführt hat. (…)

Ob sie selber Frauen mag oder Männer, ob sie glücklich sein kann, glücklich sein will, das sind so Fragen, die ich nur jemandem stellen würde, den ich gar nicht kenne. Ich bin Journalist. Im Fall von Helene Hegemann ist mir das ziemlich egal. Sie hat ein Buch geschrieben, das mich berührt hat, nicht weil es eine 17-Jährige geschrieben hat, sondern weil es eine Sprache für die Verzweiflung findet, die ich so noch nicht von einer deutschen Autorin gelesen habe. (…)

Ist «Axolotl Roadkill» also nun das Manifest einer Generation? Ist es ein Roman, der 15-Jährigen Worte schenkt für ihre Sprachlosigkeit? Der 35-Jährigen zeigt, dass das Feuer noch nicht erloschen ist? Der 55-Jährige begeistert durch das Risiko, sich zu verlieren?
Hervorhebungen: Ronnie Grob

Nun ja. Plagiate sind nicht so leicht zu erkennen und ich würde nicht behaupten, dass mir sowas nie passiert wäre.

Aber sich nach der Debatte, als das Ausmass des Plagiats bekannt ist, über die “Dummheit der Diskussion” aufzuregen und entsetzt zu sein, “wie wenig recherchiert wird”, finde ich ganz schön dreist. Schliesslich hat Diez nichts mehr als das Buch einer 1992 geborenen zum “Roman ihrer Generation” erklärt. Ein Buch, das mit Erlebnissen eines 1981 geborenen gespickt ist. Der Erlebnisse hatte, welche die Autorin wohl so nie erlebt hat.

Wer jetzt noch nicht genug hat vom “Magazin” und weiblichen Teenagern, der lese diesen Artikel von Andrea Schafroth aus der neusten Ausgabe. Es geht um dies:

“Seit sie 13 ist, will Lea nur eines: neue Brüste. Mehr denn je sehnen sich junge Frauen nach dem perfekten Busen.”

Ist es nicht in der Natur von pubertären Mädchen, solchen Unsinn im Kopf zu haben und auch noch darüber zu reden? Was heisst es nun, wenn die Medien, nicht irgendwelche Medien, nein, vergeistige Elitemedien, so einen Quatsch ernst nehmen? Wird nicht erst durch das Ernstnehmen der Unsinn zu einem Thema, über das diskutiert werden kann?

Nach Wikipedia wird Helene Hegemann am 19. Februar 18 Jahre alt. Ich wünsche einen frohen Geburtstag. Schon in drei Jahren darf die dann Volljährige in den USA legal Alkohol kaufen.

Mehr zum aktuellen Niedergang der Magazinbeilagen gibt es hier:

- Mehr Style als Life: Supplements werden zu Frauenzeitschriften (März 2009)
- “Das Magazin” zerlegt sich in Häppchen (Juni 2009)
- Leid des Lesers (1): Das Zeit-Magazin (Januar 2010, von Oliver Gehrs)
- Leid des Lesers (3): Das SZ-Magazin (Februar 2010, von Oliver Gehrs)