Blick auf den Klick

Medienkonsum lässt sich im digitalen Zeitalter immer genauer messen. Die Folge davon: Statt auf hochwertige Formate setzen die Medien immer öfter auf Boulevard. Dafür an der Nase nehmen müssen uns wir, die Konsumenten.

Macher von Zeitungen und Zeitschriften wussten während Jahrhunderten kaum, welche Artikel gelesen wurden und welche nicht. Als Rückmeldung dienten einzig Telefonanrufe oder Leserbriefe. Die einen Leser fanden, man müsse dezidierter links schreiben, um aufkommende rechte Parteien in Schach zu halten. Die anderen empörten sich darüber, dass man den Linken doch nicht alles nachsehen dürfe, sonst stehe man schon morgen im Kommunismus. Andere wiederum vermissten Berichte über den FC Basel, das Eiskunstlaufen oder die Veranstaltung vom letzten Wochenende, die sie zufällig selbst besucht hatten. Und meistens hatten Leser die Nase voll vom Thema X, über das ständig berichtet wurde, während über das in ihren Augen enorm wichtige Thema Y kein Wort verloren wurde.


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Warum Erdogan und Putin? It’s the economy, stupid!

Heute hat Recep Tayyip Erdogan bei den Präsidentschaftswahlen in der Türkei mit 52 Prozent mehr als die Hälfte aller Stimmen geholt. Wladimir Putin gewann 2012 bei den Präsidentschaftswahlen in Russland mehr als 63 Prozent der Stimmen.

Von der Wahlfälschungsfrage mal abgesehen: Warum bloss wählen die Bürger solche Menschen, sind das alles Wahnsinnige? Wer aufmerksam die westlichen Medien liest, weiss doch, dass sie eher zweifelhafte Demokraten sind, Minderheiten und Medien einschränken und verfolgen und auch sonst zahllose Fehler haben.

Meine Antwort: Es ist der wirtschaftliche Aufschwung, der unter ihnen stattgefunden hat.

Putin ist seit 1999/2000 an der Macht, Erdogan seit 2003. Wirft man die viel zu selten benutzte Suchmaschine Wolfram Alpha an und sucht nach “Turkey vs. Russia, GDP per Capita”, dann kommt unter anderem diese schöne Grafik zum Vorschein:

Bruttoinlandprodukt von Russland und der Türkei in US-Dollar pro Jahr und pro Person von 1989 bis 2013.
Bruttoinlandprodukt von Russland und der Türkei in US-Dollar pro Jahr und pro Person von 1989 bis 2013 (Screenshot wolframalpha.com).

Zum Vergleich nehmen wir mal hinzu, wie sich Nordkorea entwickelt hat im Realsozialismus (“Turkey vs. Russia vs. North Korea, GDP per Capita”):

Bruttoinlandprodukt von Russland, der Türkei und Nordkorea in US-Dollar pro Jahr und pro Person von 1989 bis 2008.
Bruttoinlandprodukt von Russland, der Türkei und Nordkorea in US-Dollar pro Jahr und pro Person von 1989 bis 2008 (Screenshot wolframalpha.com).

Wer kürzlich mal irgendwo in Europa oder Asien in den Strandferien war, dem ist vielleicht aufgefallen, dass ganz schön viele Russen aus der Mittel- und Oberschicht Urlaub machen in letzter Zeit. Und warum? Weil sie es sich leisten können. Anders als vorher, im Sozialismus.

Was würden wohl Westeuropäer wählen, wenn sie die Wahl hätten zwischen ein paar verfolgten Minderheiten und ein paar religösen und nationalen Ideen auf der einen Seite – und Strandurlaub auf der anderen Seite?

Berliner, beteiligt Euch am Volksentscheid zum Tempelhofer Feld!

Liebe Berliner, geht doch bitte morgen abstimmen für den Erhalt des Tempelhofer Felds.

Ich würde das ja gerne auch machen, aber ich bin Ausländer und behalte dann doch lieber meine (viel umfangreicheren) direktdemokratischen Rechte in der Schweiz (“über das Tempelhofer Feld dürfen nur Deutsche entscheiden”).

Denn aktuell ist das Feld eine mehrheitlich nicht kommerziell genutzte, herrliche Einöde, in der sich alle Bewohner der Stadt wunderbar erholen können – eine beispiellose Freifläche inmitten der Stadt, gegen die selbst der New Yorker Central Park abstinkt (Fläche Tempelhofer Park: 355 Hektar, Fläche Central Park: 349 Hektar). Diese Freifläche soll jetzt an den Rändern etwas zugebaut werden, zum Beispiel mit Gewerbegebiet (aktuell in Berlin freistehende Büroflächen: 1 600 000 Quadratmeter). Kosten soll das den Steuerzahler insgesamt 620 000 000 Euro, die Berlin bekanntlich gar nicht hat.

Ich bin ja weder konservativ noch wirtschaftsfeindlich, aber in diesem Fall geht es darum, dass eine Bebauung einfach völlig unsinnig wäre. Der Status Quo macht alle glücklich, es wäre idiotisch, daran etwas zu ändern. Und wird das Projekt tatsächlich gebaut, könnte es gut sein, dass irgendwann das Geld ausgeht, denn die Finanzlage von Berlin ist äusserst prekär – weshalb man mit dem zur Verfügung stehenden Geld besser sinnvolle Projekte anpackt.

Geht auch dann zur Abstimmung, falls ihr für eine Bebauung des Felds seid – denn die Direkte Demokratie kann ja nur eine Zukunft haben, wenn sie nicht ignoriert wird. Für die Befürworter der Initiative zählt jede Stimme, denn “ein Viertel der Wahlbereichtigten muss dem Gesetz zustimmen, damit es in Kraft tritt (Quorum). Das sind rund 633.000 benötigte JA-Stimmen”. Informieren dazu kann man sich zum Beispiel im Internet (und nicht in Medien wie “Bild”, die ihre Leser offenbar am Liebsten im Zustand der Verwirrung und des Nicht-Verstehens haben).

Denkfaule Konservative

Weil sie der Erfahrung ein Übergewicht einräumen, haben Konservative einen verzerrten Blick auf die Welt. Ihr Festhalten am Status Quo bewahrt zwar oft das Gute, verhindert aber auch das neue Gute. Wer richtig urteilen will, muss das Alte und das Neue unvoreingenommen gegeneinander abwägen.

"Das Familienkonzert", Stich nach einem Ölgemälde von Jacob Jordaens (Soo d'oude songen soo pepen de jongen - As the old sing, so the young twitter - Wie die Alten singen, so zwitschern die Jungen)
“Das Familienkonzert, Stich nach einem Ölgemälde von Jacob Jordaens (gemeinfrei). Übertitel des Bilds: Soo d’oude songen soo pepen de jongen – As the old sing, so the young twitter – Wie die Alten singen, so zwitschern die Jungen.

Im Prinzip (und etwas vereinfacht) gibt es nur zwei politische Haltungen. Entweder glaubt man daran, dass die Probleme am Besten von einer mit Steuergeldern finanzierten Gruppe gelöst werden und überschüttet diese mit Geld, damit die Wirkung ihrer Handlungen zunimmt (Sozialismus). Oder man glaubt daran, dass die Probleme am Besten im freien Zusammenspiel der Einzelnen gelöst werden und beschneidet die Wirkungsmöglichkeiten der mit Steuergeldern finanzierten Gruppe (Liberalismus).

Und dann gibt es die Konservativen (von “conservare”: erhalten, bewahren). Sie neigen dazu, Fragen zu ignorieren und zu verdrängen, Probleme nicht als solche anzuerkennen. Sie wollen nichts wissen vom Neuen oder vom Richtigen, sondern die Welt so bewahren, wie sie sie kennengelernt haben. Wer in seiner Kindheit gute Erfahrungen mit Kinderkrippen gemacht hat, möchte Kinderkrippen erhalten oder ausbauen. Wer in seiner Kindheit eine unbeschwerte Jugend auf dem Land erfahren hat, wehrt sich gegen eine zugebaute und übervölkerte Schweiz. Wer selbst nicht in der Schule aufgeklärt wurde, fürchtet sich davor, dass sein Kind in der Schule aufgeklärt wird. Wer als Kind Zeit in der Kirche, an Anti-Atomdemos, bei den Pfadfindern oder im Skilager verbracht hat, setzt sich nicht selten dafür ein, dass seine Kinder das auch tun.

So wird Kultur bewahrt und verteidigt, aber eine Haltung ist das keine. Zwar finden sich immer gute Gründe, das Bewährte zu verteidigen, aber vielfach sind Konservative einfach nur denkfaul, ängstlich, egoistisch und kleingeistig. Aus Angst vor Veränderungen, die sie nicht kontrollieren können oder die sie dazu zwingen würden, sich selbst zu verändern, wählen sie die Bequemste aller Lösungen, den Stillstand. Soll sich die Welt doch mal drehen, der Konservative besteigt das Karussell erst kurz bevor die Lichter ausgehen, fünf Minuten vor dem Vorletzten. Wagemutige Pioniertaten überlässt er den anderen, ihn regiert die Angst und das daraus resultierende Sicherheitsbedürfnis.

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“Breaking Bad” erfinden

Wie “Breaking Bad” entsteht? Unter anderem so:

Ein paar Leute sitzen zusammen in einem Raum und reden, und irgendwann steht der Plan für die Folge.

Vielen Dank für den Hinweis an das Drama-Blog, von dem ich jetzt frecherweise auch noch das Zitat von “Breaking-Bad”-Produzent Vince Gilligan übernehme:

“The worst thing the French ever gave us is the auteur theory. It’s a load of horseshit. You don’t make a movie by yourself, you certainly don’t make a TV show by yourself. You invest people in their work. You make people feel comfortable in their jobs; you keep people talking.”

“Im ‘Breaking Bad’ Writer’s Room” (drama-blog.de)
“Inside the Breaking Bad writers’ room: how Vince Gilligan runs the show” (guardian.co.uk, englisch)