“Ich höre die Leute schon reden”

Zum Tod von Christoph Schlingensief am 21. August 2010.

Ich höre die Leute schon reden. Der wilde Schlingensief, der Provokateur, das Enfant terrible … natürlich wahnsinniger Überlebenswille … wahnsinnige Anstrenungen … hat bis zum letzten Atemzug gekämpft … am Ende dann doch in der Klinik soundso …

Christoph Schlingensief, “So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! Tagebuch einer Krebserkrankung”, Seite 49

Ich dachte, dass ich im Kern beschützt sei. Von Gottes Gnaden behütet, belohnt mit Tausenden von Möglichkeiten, gesegnet mit einem langen Leben, mit vielen, vielen Dingen, Bildern, Fragen, Antworten, Fragen, die sich aus Antworten ergeben. Und in den letzten Tagen hab ich echt geglaubt, ich bekäme jetzt die grosse Chance zu beweisen, dass ich ein ernsthaftes Anliegen habe, dass ich in der Welt noch Wichtiges zu tun habe – und auch, dass ich die Möglichkeit bekäme, das Leben jetzt wirklich geniessen zu lernen. Habe mir eingebildet, dass ich noch viele, viele tolle Momente erleben werde, mit Essen und Trinken, Natur und Musik, Liebe und Sex.

Und das, lieber Gott, ist die grösste Enttäuschung. Dass du ein Glückskind einfach so zertrittst, du bist jedenfalls gerade dabei, das zu tun. Und alle die anderen Leute, die an dich glauben, zertrittst du auch, zum Beispiel die, die nach Lourdes laufen und dennoch nicht geheilt werden.

Pure Ignoranz ist das. (…)

Christoph Schlingensief, “So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! Tagebuch einer Krebserkrankung”, Seite 51

Schlafftivisten

Jesse Brown (@jessebrown) nimmt sich dem Slacktivism an und stellt fest, dass die Medien etwas Mühe mit ihnen bekunden, weil sie keine Transparente malen und nur im Notfall auf die Strasse gehen:

Es bleibt die Frage, welche Tätigkeiten etwas auslösen und welche überhaupt nichts.

Das Sommerloch dehnt sich aus

Das Sommerloch bei Google Trends:

Sommerloch

Google Trends ist ein Dienst, der das Suchvolumen bei Google auswertet. Können aus diesen Auswertungen Rückschlüsse auf die Berichterstattung in Medien und Blogs gezogen werden können? Vielleicht ja, das bleibt aber eine Hypothese. Dazu beachten kann man die untere, nicht skalierte Linie namens “News reference volume”:

The graph is for illustrative purposes, and simply shows you the number of times your topic appeared in Google News stories.

Das Sommerloch 2006 und 2007 war ein kurz und tief aufklaffender Abgrund. In den letzten Jahren aber die Lücke, die das sommerlochfreie Jahr unterbricht, breiter geworden und die Zahl des Begriffs “Sommerloch” bei Google News höher.

Wird das Sommerloch also bald von März bis Oktober dauern, mit noch mehr Artikeln dazu? Gut möglich, der Trend der letzten Jahre scheint sich dahin zu bewegen.

2006:

2007:

Sommerloch bei Google Trends (2007)

2008:

Sommerloch bei Google Trends (2008)

2009:

Sommerloch bei Google Trends (2009)

2010 (abgerufen am 12. August):

Sommerloch bei Google Trends (2010, Stand 12. August)

Warum gibt es das Sommerloch überhaupt? @wortwart hat die Antwort:

Das Sommerloch ist ein Sommerlochthema.

Der Mann mit dem Hut zum 1. August

Ein allzu milder Herrscher bin ich noch
Gegen dies Volk – die Zungen sind noch frei,
Es ist noch nicht ganz wie es soll gebändigt -
Doch es soll anders werden, ich gelob’ es,
Ich will ihn brechen diesen starren Sinn,
Den kecken Geist der Freiheit will ich beugen.
Ein neu Gesetz will ich in diesen Landen
Verkünden – Ich will -

Gessler und Tell

Das waren die letzten Worte von Landvogt Gessler in Friedrich Schillers “Wilhelm Tell” – bevor ihn ein Pfeil durchbohrte. Assoziationen zur Gesetzesflut oder zu Militäreinsätzen im Ausland mag jeder selbst herstellen.

Bild: Illustration von 1880, Wikimedia Commons, public domain

Bobby California

Ein Medienkritikerkritiker kämpft gegen Missstände in der Medienkritik.

Rumpelstilzchen
Bild: DDR-Briefmarken von 1976, Wikimedia Commons, CC BY-SA-Lizenz.

Man muss bei dieser Geschichte ganz vorne anfangen. Also, zuerst gab es Zeitungen. Dann kam das Internet. Und mit dem Internet fanden Medienkritiker, die es schon immer gab, eine Möglichkeit, die Arbeit der Zeitungsmitarbeiter direkt und ungefiltert zu kritisieren und zu kommentieren. Manche Medienkritiker gründeten Medienblogs, in denen sie diese Kritik institutionalisierten.

Das wiederum rief Bobby California auf den Plan, ein anonym bleiben wollender Internetnutzer, der lange in den Kommentarspalten des Medienblogs “Medienspiegel” aktiv war, dann aber selbst zum Blogger wurde.

Der Grund ist folgender:

Ich habe dieses Blog gegründet, damit ich ungestört auf den Bloggern herumhacken kann. Das ist dringend nötig. Ich habs satt, dass die Blogger ständig auf den Journalisten herumhacken. Ab sofort wird zurückgehackt. Ich habe nie behauptet, dass das die Lösung für die Medienkrise sei. Es ist eine Antwort auf das Journalisten-Bashing, nicht mehr und nicht weniger.

Weil ich tatsächlich davon überzeugt bin, dass konstruktive Kritik auf lange Frist jedes Produkt verbessert, kann ich es nur begrüssen, wenn Medienkritikerkritiker sich daran machen, die Arbeit von Medienkritikern zu überprüfen. Kritische Anstösse geben immer wieder Anlass zur Veränderung, und das ist richtig so.

Bobby California ist ein Schreiber mit einem originellen Sprachschatz. Alleine ich wurde von ihm schon (in teilweise wieder gelöschten Beiträgen) als “einer der verblendetsten Internet-Gläubigen und einer der verbissensten Journalisten-Basher”, “einer der verblendetsten Digital-Religiösen” oder kurz als “der einfältigste Blogger weit und breit” bezeichnet. Meine Texte als “halbgarer Quatsch”, “hanebüchener Quatsch” und “einfältiges Zeug am Laufmeter”. Wie ich das mache? Natürlich in meiner “gewohnt penetrant-quengeligen Art”, schliesslich mäkle ich “die ganze Zeit bloss rum”.

Die Diskussion mit Bobby California habe ich schon lange eingestellt, weil sie, wie bei allen Trollen, zu nichts führt.

Da es im Internet nichts gibt, über das nicht noch eine weitere Ebene gelegt werden könnte, gibt es nun mit “Jenny Virginia” eine ziemlich gelungene Parodie des Medienkritikerkritikers. Man vergleiche hier:

Jenny Virginia vs. Bobby California

So wenig ich weiss, wer Bobby California in Wirklichkeit ist, so wenig weiss ich, wer hinter dieser Parodie steckt. Vielleicht ein Journalist aus einem Zürcher Zeitungsverlag? Aber das ist ja auch nicht so wichtig.

Damit Bobby California das Schlusswort haben kann, schliessen wir für einmal die Kommentare:

Es ist unglaublich, mit welcher Hartnäckigkeit Sie die Fakten verdrehen, damit Sie Ihre Vorurteile aufrecht erhalten können.

(Jenny Virginia via Journalistenschredder)

Nachtrag, 28. Juli: Die parodierte Website bobbycalifornia.blogspot.com hat nun ein neues Layout.